Fallbeispiel – Postoperative Versorgung nach Kehlkopfoperation

Atemwegsmanagement, Kommunikation und psychosoziale Unterstützung nach einer großen Kopf-Hals-Operation.

Fall 1 von 35

Fallsituation

Sie arbeiten als Pflegefachperson auf einer chirurgischen Station mit Schwerpunkt Kopf-Hals-Chirurgie.

Der 58-jährige Herr Kramer wurde vor zwei Tagen operiert. Aufgrund eines fortgeschrittenen Kehlkopfkarzinoms musste sein Kehlkopf vollständig entfernt werden.

Herr Kramer hat ein dauerhaftes Tracheostoma. Über eine Trachealkanüle wird seine Atmung gesichert. Außerdem hat er eine Ernährungssonde sowie zwei Wunddrainagen im Halsbereich.

Beim Betreten des Zimmers wirkt Herr Kramer unruhig. Er versucht Ihnen etwas mitzuteilen, kann jedoch nicht sprechen. Schließlich schreibt er:

„Bekomme ich überhaupt wieder Luft, wenn die Kanüle rausgeht?“

Seine Ehefrau sitzt neben ihm und wirkt angespannt.

Während der Pflege bemerken Sie zähen Schleim im Bereich der Kanüle. Herr Kramer versucht zu husten, wirkt dabei aber erschöpft.

👉 Sie befinden sich jetzt in einer typischen Prüfungssituation:

  • Tracheostoma
  • Sekretproblem
  • Atemwegsgefährdung
  • Kommunikationsverlust
  • Angst + Angehörige

STOP. Erst denken.

🧠 Wie gehe ich an diesen Fall heran?

Nicht reden. Nicht beruhigen. Nicht erklären.

👉 Erst prüfen: lebt der Atemweg?

Herr Kramer hat:

  • Tracheostoma
  • zähen Schleim
  • erschöpftes Husten

👉 klare Gefahr: → Atemwegsverlegung

👉 das ist potenziell lebensbedrohlich

Typischer Prüfungsfehler: Viele priorisieren: → Angst
→ Kommunikation

👉 falsch

Ohne freien Atemweg ist alles nachrangig.

Zusätzlich:

  • Unruhe → Hinweis auf Luftnot
  • Ehefrau angespannt → sekundär
  • Kommunikationsproblem → später

Meine Denkstruktur:

  1. Atemweg sichern
  2. Sekret entfernen
  3. Atmung stabilisieren
  4. danach Angst angehen
  5. Kommunikation ermöglichen

👉 Reihenfolge entscheidet über Punkte


Prioritäten im Fall (prüfungsrelevant)

  1. Atemweg sichern
    → absolute Priorität

  2. Sekretmanagement durchführen
    → Verlegung verhindern

  3. Atmung stabilisieren
    → Erschöpfung reduzieren

  4. Angst reduzieren und begleiten
    → Belastung senken


Pflegeziele

  • Die Atemwege von Herrn Kramer sind jederzeit frei, erkennbar an einer unauffälligen Atmung ohne Verlegungszeichen und effektiver Sekretentfernung während des gesamten Pflegezeitraums.

  • Die Atmung ist innerhalb von 24 Stunden stabilisiert, erkennbar an reduzierter Atemanstrengung und ausreichender Sauerstoffversorgung.

  • Herr Kramer fühlt sich innerhalb von 2 Tagen sicherer im Umgang mit seiner veränderten Atemsituation und kann seine Bedürfnisse mithilfe von Kommunikationshilfen äußern.

  • Die Ehefrau zeigt nach Anleitung ein besseres Verständnis für die Situation und kann unterstützend reagieren, ohne zusätzliche Unsicherheit zu erzeugen.


Prüfungsentscheidung

Herr Kramer wirkt unruhig, hustet erschöpft und hat zähen Schleim in der Kanüle.

Was ist Ihre erste pflegerische Maßnahme?

A) Angehörige beruhigen
B) Absaugen vorbereiten und durchführen
C) zum Ruhen auffordern
D) Flüssigkeit anbieten

✅ Antwort und Begründung anzeigen

Bewertung

Richtig: B – Atemweg sichern

👉 klassischer ABC-Fall

Warum?

  • sichtbare Sekretansammlung
  • erschöpftes, ineffektives Husten
  • direkter Atemweg über Tracheostoma

👉 Verlegung = akute Lebensgefahr

Warum die anderen falsch sind:

  • A (Angehörige beruhigen)
    → nicht priorisiert

  • C (ruhig bleiben lassen)
    → Problem bleibt bestehen

  • D (Flüssigkeit anbieten)
    → aktuell irrelevant

👉 Prüfungsregel:
Airway first. Immer.


📝 Prüfungsfragen anzeigen

Prüfungsfragen

  1. Nennen Sie vier Beobachtungsschwerpunkte nach der OP.
  2. Nennen Sie vier Maßnahmen zur Atemsicherung.
  3. Wie unterstützen Sie die Kommunikation? (3 Möglichkeiten)
  4. Nennen Sie drei Komplikationen.
  5. Nennen Sie drei psychosoziale Maßnahmen.
  6. Warum ist die Tracheostomapflege besonders wichtig?
  7. Warum ist eine Sondenernährung notwendig?
  8. Was gehört in die Entlassungsplanung?

🔍 Lösung anzeigen

Lösungen

Beobachtungsschwerpunkte

Wichtige Beobachtungsschwerpunkte sind die Atmung, insbesondere Atemfrequenz, Atemgeräusche und Atemarbeit, die Durchgängigkeit der Trachealkanüle, der Zustand der Wunde und Drainagen sowie die Kreislaufparameter.


Maßnahmen zur Atemsicherung

  • Die Pflegefachperson führt bei sichtbarer Sekretansammlung ein fachgerechtes Absaugen über die Trachealkanüle durch, unter sterilen Bedingungen und unter Beobachtung der Vitalzeichen, um die Atemwege freizuhalten, bei Bedarf mehrmals täglich.

  • Die Pflegefachperson sorgt für eine ausreichende Befeuchtung der Atemluft, beispielsweise durch Inhalation oder geeignete Befeuchtungssysteme, um das Sekret zu verflüssigen und das Abhusten zu erleichtern, regelmäßig im Tagesverlauf.

  • Die Pflegefachperson lagert den Patienten mit erhöhtem Oberkörper, um die Atemmechanik zu verbessern und die Atmung zu erleichtern, kontinuierlich während der Pflege.

  • Die Pflegefachperson kontrolliert regelmäßig die Lage und Durchgängigkeit der Trachealkanüle, um frühzeitig eine Verlegung oder Fehlfunktion zu erkennen, in festgelegten Intervallen und bei Veränderungen.


Kommunikation

Die Kommunikation wird unterstützt, indem der Patient Schreibmaterial erhält, nonverbale Kommunikation gefördert wird und gegebenenfalls spezielle Kommunikationshilfsmittel eingesetzt werden.


Komplikationen

Mögliche Komplikationen sind eine Atemwegsverlegung, Nachblutungen im Operationsgebiet sowie Infektionen.


Psychosoziale Unterstützung

  • Die Pflegefachperson nimmt die Ängste des Patienten ernst und gibt ihm Sicherheit durch Präsenz und ruhige Ansprache.
  • Sie bezieht die Ehefrau aktiv in die Pflege ein und informiert sie über den Zustand und die Maßnahmen.
  • Sie erklärt die Situation verständlich, um Unsicherheiten zu reduzieren.

Bedeutung der Tracheostomapflege

Das Tracheostoma stellt einen direkten Zugang zu den Atemwegen dar. Dadurch besteht ein erhöhtes Risiko für Infektionen und Verlegungen, weshalb eine sorgfältige Pflege essenziell ist.


Sondenernährung

Die Sondenernährung ist notwendig, um die Operationsregion zu schonen, Schluckstörungen zu umgehen und die ausreichende Nährstoffversorgung sicherzustellen.


Entlassungsplanung

Zur Entlassungsplanung gehören die Anleitung zur Tracheostomapflege, Hygienemaßnahmen, der Umgang mit Hilfsmitteln sowie die Organisation der Nachsorge.


Typische Fehler (Prüfung)

  • Kommunikation vor Atemweg priorisieren
  • Sekretansammlung unterschätzen
  • zu spät absaugen
  • falsche Reihenfolge der Maßnahmen
  • Angst überbewerten
  • fehlende Priorisierung

Merksatz

Atemweg zuerst. Immer.

So gehst du sinnvoll weiter