Fallbeispiel – Dyspnoe und Entscheidungsfindung bei fortgeschrittener ALS
Symptomkontrolle, Kommunikation und ethische Entscheidungsfindung bei einem schwerstkranken Patienten.
Fallsituation
Sie arbeiten als Pflegefachperson auf einer Palliativstation.
Der 62-jährige Herr Kramer leidet an einer fortgeschrittenen neurologischen Erkrankung. Die Erkrankung hat zu einer vollständigen Lähmung geführt, sodass er nicht mehr sprechen oder sich aktiv bewegen kann.
Die Kommunikation erfolgt ausschließlich über gezielte Augenbewegungen.
Die Ernährung wird über eine PEG-Sonde sichergestellt.
Aktuell leidet Herr Kramer an einer Atemwegsinfektion. Dabei zeigt er eine ausgeprägte Atemnot sowie eine starke Sekretbildung in den Atemwegen.
Er erhält bereits Sauerstoff sowie medikamentöse Unterstützung zur Linderung von Angst und Luftnot. Zusätzlich ist mehrmals täglich ein Absaugen der Atemwege erforderlich.
Es liegt eine Patientenverfügung vor, in der Herr Kramer eine invasive Beatmung ausdrücklich ablehnt.
Im Gespräch äußert seine Ehefrau große Belastung:
„So kann das doch nicht weitergehen… ich glaube, er würde das alles nicht mehr wollen.“
👉 Sie befinden sich jetzt in einer typischen Prüfungssituation:
- ausgeprägte Dyspnoe
- Sekretproblematik
- eingeschränkte Kommunikation
- Patientenverfügung vorhanden
- emotionale Belastung der Angehörigen
- ethische Entscheidungsfindung
🧠 Wie gehe ich an diesen Fall heran?
Nicht zuerst entscheiden, nicht zuerst bewerten, nicht zuerst handeln.
👉 Erst erkennen:
Was ist akut lebensqualitätsbestimmend?
Herr Kramer zeigt:
- ausgeprägte Atemnot
- vermehrte Sekretbildung
- vollständige Immobilität
- eingeschränkte Kommunikation
👉 Das bedeutet:
Die Dyspnoe ist das zentrale Problem.
Atemnot ist eines der belastendsten Symptome überhaupt.
→ sofortige Linderung hat oberste Priorität
Zusätzlich:
Die Kommunikation ist stark eingeschränkt.
👉 Trotzdem gilt:
Der Patientenwille muss aktiv erfasst werden.
Eine Patientenverfügung liegt vor:
→ invasive Beatmung wird abgelehnt
→ dieser Wille ist verbindlich
Die Aussage der Ehefrau zeigt:
- Überforderung
- emotionale Belastung
- Unsicherheit
👉 Wichtig:
Angehörige äußern Bedürfnisse, entscheiden aber nicht stellvertretend.
Meine Denkstruktur ist:
- Dyspnoe sofort lindern
- Angst und Unruhe reduzieren
- Kommunikation aktiv ermöglichen
- Patientenverfügung berücksichtigen
- Angehörige begleiten
- Entscheidungen interprofessionell klären
Prioritäten im Fall (prüfungsrelevant)
-
Atemnot wirksam lindern
→ unmittelbare Entlastung des Patienten -
Angst und Unruhe reduzieren
→ subjektives Wohlbefinden verbessern -
Kommunikation sicherstellen
→ Patientenwillen erfassen und berücksichtigen -
Angehörige unterstützen
→ emotionale Überlastung erkennen und auffangen -
Ethische und rechtliche Rahmenbedingungen beachten
→ sichere Entscheidungsfindung gewährleisten
Pflegeziele
-
Herr Kramer zeigt eine reduzierte Atemnot, erkennbar an ruhigerer Atmung und verminderter Unruhe.
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Herr Kramer kann über das vereinbarte Kommunikationssystem seine Bedürfnisse und seinen aktuellen Zustand ausdrücken.
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Herr Kramer erlebt eine Reduktion von Angst und Anspannung im Verlauf der Versorgung.
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Die Ehefrau fühlt sich verstanden, kann ihre Belastung äußern und erhält Orientierung im Umgang mit der Situation.
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Entscheidungen zur Versorgung erfolgen im Einklang mit der Patientenverfügung und im interprofessionellen Team.
Prüfungsentscheidung
Die Ehefrau äußert den Wunsch, die künstliche Ernährung zu beenden.
Wie reagieren Sie fachlich korrekt?
✅ Antwort und Begründung anzeigen
Bewertung
Richtig: C – ärztliche, ethische und rechtliche Klärung notwendig
Die Beendigung einer medizinischen Maßnahme wie der künstlichen Ernährung ist eine weitreichende Entscheidung.
👉 Diese darf nicht eigenständig durch Pflegepersonen oder Angehörige getroffen werden.
Zentrale Aspekte sind:
- aktueller oder dokumentierter Patientenwille
- medizinische Indikation
- rechtliche Rahmenbedingungen
Die Pflegefachperson hat die Aufgabe:
- die Situation ernst zu nehmen
- die Angehörige zu begleiten
- eine professionelle Klärung einzuleiten
Falsche Antworten:
- A → rechtlich unzulässig
- B → nicht fachlich abgesichert
- D → ignoriert die Belastung der Angehörigen
👉 Prüfungsregel:
Ethische Entscheidungen immer absichern
📝 Prüfungsfragen anzeigen
Prüfungsfragen
- Beschreiben Sie zwei zentrale pflegerische Probleme.
- Formulieren Sie eine passende Pflegediagnose.
- Nennen Sie zwei Maßnahmen zur Linderung von Atemnot.
- Wie kann die Kommunikation sichergestellt werden?
- Nennen Sie zwei Aufgaben der Palliativpflege.
- Welche Bedeutung hat die Patientenverfügung?
- Wie können Angehörige unterstützt werden?
- Warum ist interprofessionelle Zusammenarbeit wichtig?
🔍 Lösung anzeigen
Lösungen
Pflegerische Probleme
Ein zentrales Problem ist die ausgeprägte Atemnot. Diese führt zu erheblichem körperlichem und psychischem Leiden.
Ein weiteres Problem ist die emotionale Belastung. Sowohl der Patient als auch die Ehefrau sind stark belastet, was sich in Angst und Überforderung zeigt.
Pflegediagnose
Beeinträchtigte Atmung im Zusammenhang mit neuromuskulärer Erkrankung und Atemwegsinfektion, erkennbar an Dyspnoe, Sekretansammlung und erhöhter Atemarbeit.
Maßnahmen
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Die Pflegefachperson lagert Herrn Kramer regelmäßig und bei Bedarf in eine atemerleichternde Position mit erhöhtem Oberkörper, um die Atemarbeit zu reduzieren und die Dyspnoe zu lindern.
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Die Pflegefachperson führt bei vermehrter Sekretbildung situationsabhängig ein fachgerechtes Absaugen der Atemwege durch, unter Einhaltung hygienischer Standards, um die Atemwege freizuhalten und die Atmung zu verbessern.
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Die Pflegefachperson beobachtet kontinuierlich die Atmung, das Sekret sowie Anzeichen von Angst oder Unruhe während der gesamten Betreuung, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen und Maßnahmen anzupassen.
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Die Pflegefachperson nutzt gezielt das vereinbarte Kommunikationssystem über Augenbewegungen, indem sie strukturierte Ja-Nein-Fragen stellt, um den aktuellen Willen und die Bedürfnisse von Herrn Kramer zu erfassen.
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Die Pflegefachperson führt regelmäßig entlastende Gespräche mit der Ehefrau, indem sie aktiv zuhört, Informationen verständlich erklärt und Raum für Emotionen gibt, um die psychische Belastung zu reduzieren.
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Die Pflegefachperson initiiert bei ethischen Fragestellungen eine interprofessionelle Fallbesprechung mit dem ärztlichen Dienst und weiteren Beteiligten, um Entscheidungen rechtlich abgesichert im Sinne des Patientenwillens zu treffen.
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Die Pflegefachperson berücksichtigt bei allen Maßnahmen die vorliegende Patientenverfügung und richtet ihr Handeln konsequent daran aus.
Kommunikation
Die Kommunikation erfolgt über ein angepasstes System, zum Beispiel über Augenbewegungen für Ja- oder Nein-Antworten.
Zusätzlich ist eine genaue Beobachtung von Mimik und Verhalten notwendig.
Aufgaben der Palliativpflege
Ein zentraler Bestandteil ist die Symptomkontrolle, insbesondere die Linderung von Atemnot und Angst.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Begleitung von Patient und Angehörigen.
Patientenverfügung
Die Patientenverfügung legt fest, welche Maßnahmen gewünscht oder abgelehnt werden.
Im vorliegenden Fall wird eine invasive Beatmung abgelehnt.
Dieser Wille ist verbindlich.
Angehörige
Angehörige benötigen Gespräche, Information und emotionale Unterstützung.
Dies hilft, Belastung zu reduzieren und Sicherheit zu schaffen.
Teamarbeit
Komplexe Situationen erfordern eine enge Zusammenarbeit aller Berufsgruppen.
Nur so können medizinische, pflegerische und ethische Aspekte berücksichtigt werden.
Typische Fehler (Prüfung)
- Patientenwillen nicht berücksichtigen
- vorschnelle Entscheidungen treffen
- rechtliche Aspekte ignorieren
- Angehörige übergehen
- Symptomkontrolle vernachlässigen
Merksatz
In der Palliativpflege zählt die Lebensqualität im Sinne des Patienten.