Fallbeispiel – Hoffnungslosigkeit bei einer schwer erkrankten Patientin

Gesprächsführung, emotionale Unterstützung und Begleitung bei einer Patientin im palliativen Setting.

Fall 1 von 35

Fallsituation

Sie arbeiten als Pflegefachperson auf einer Station mit palliativem Schwerpunkt.

Die 68-jährige Frau Wagner wurde vor wenigen Tagen aufgenommen. Ihre Erkrankung ist weit fortgeschritten, eine heilende Therapie ist nicht mehr möglich. Die Versorgung erfolgt ausschließlich mit palliativem Ziel.

Im Verlauf der letzten Tage fällt Ihnen auf, dass Frau Wagner sich zunehmend zurückzieht. Sie beteiligt sich kaum noch an Gesprächen, vermeidet Blickkontakt und liegt häufig ruhig im Bett.

Während der Morgenpflege äußert sie leise:

„Manchmal frage ich mich, ob das alles noch einen Sinn hat.“

Diese Aussage wirkt nachdenklich und belastet.

Ihre Tochter besucht sie regelmäßig. Auch sie wirkt erschöpft, angespannt und emotional stark belastet.

👉 Sie befinden sich jetzt in einer typischen Prüfungssituation:

  • Hoffnungslosigkeit
  • Rückzug
  • existenzielle Belastung
  • Gesprächsbedarf
  • Angehörigenbelastung

STOP. Erst denken.

🧠 Wie gehe ich an diesen Fall heran?

Nicht zuerst trösten, nicht zuerst relativieren, nicht zuerst ablenken.

👉 Erst erkennen:
Was steckt hinter dieser Aussage?

Frau Wagner zeigt:

  • Rückzug
  • reduzierte Kommunikation
  • vermiedenen Blickkontakt
  • Sinnfrage

👉 Das spricht für eine ausgeprägte emotionale und existenzielle Belastung.

Die Aussage:

„Hat das alles noch einen Sinn?“

👉 ist kein Smalltalk, sondern ein ernstes Signal.

Mögliche Hintergründe:

  • Hoffnungslosigkeit
  • Angst vor dem Sterben
  • Verlust von Kontrolle
  • Sinnkrise

In der Palliativpflege gilt:

👉 Gefühle müssen zugelassen werden, nicht korrigiert.

Zusätzlich:

Die Tochter ist ebenfalls belastet.

👉 Angehörige sind Teil der Versorgung und benötigen Unterstützung.

Meine Denkstruktur ist:

  1. Aussage ernst nehmen
  2. Gespräch öffnen
  3. aktiv zuhören
  4. Gefühle zulassen
  5. Beziehung stärken
  6. Angehörige einbeziehen

Prioritäten im Fall (prüfungsrelevant)

  1. Emotionale Situation erkennen und ernst nehmen
    → Hinweis auf tiefe Belastung

  2. Vertrauensvolle Beziehung aufbauen
    → Grundlage für Gespräche

  3. Raum für Gefühle schaffen
    → keine Verdrängung

  4. Gesprächsführung anwenden
    → gezielte Unterstützung

  5. Angehörige einbeziehen
    → Belastung reduzieren


Pflegeziele

  • Frau Wagner äußert ihre Gedanken und Gefühle im Gespräch und fühlt sich ernst genommen und verstanden.

  • Frau Wagner zeigt eine reduzierte innere Anspannung, erkennbar an mehr Gesprächsbereitschaft oder ruhigerem Verhalten.

  • Frau Wagner nimmt unterstützende Gespräche an und kann ihre Situation besser verbalisieren.

  • Die Tochter fühlt sich emotional entlastet, kann ihre Sorgen äußern und erhält Orientierung im Umgang mit der Situation.

  • Eine stabile und vertrauensvolle Beziehung ist aufgebaut.


Prüfungsentscheidung

Frau Wagner sagt:
„Ich frage mich, ob das alles noch einen Sinn hat.“

Wie reagieren Sie fachlich korrekt?

A) „Sie müssen positiv denken.“
B) „Das wird schon wieder besser.“
C) „Möchten Sie mir sagen, was Ihnen gerade besonders schwerfällt?“
D) Thema wechseln

✅ Antwort und Begründung anzeigen

Bewertung

Richtig: C – Gespräch öffnen und vertiefen

Die Aussage von Frau Wagner ist ein Ausdruck von existenzieller Belastung.

👉 Ziel ist es nicht zu beruhigen, sondern zu verstehen.

Die gewählte Antwort:

  • öffnet das Gespräch
  • zeigt Interesse
  • lässt Raum für Gefühle
  • übt keinen Druck aus

Falsche Antworten:

  • A → setzt Druck und bagatellisiert
  • B → vermittelt unrealistische Hoffnung
  • D → verhindert Beziehung

👉 Prüfungsregel:
Erst verstehen, dann begleiten


📝 Prüfungsfragen anzeigen

Prüfungsfragen

  1. Beschreiben Sie zwei zentrale pflegerische Probleme.
  2. Nennen Sie drei Ursachen für Hoffnungslosigkeit.
  3. Formulieren Sie eine Pflegediagnose.
  4. Nennen Sie zwei Pflegeziele.
  5. Nennen Sie vier Maßnahmen zur emotionalen Unterstützung.
  6. Warum ist Gesprächsführung wichtig?
  7. Wie können Angehörige unterstützt werden?
  8. Warum ist Selbstbestimmung wichtig?

🔍 Lösung anzeigen

Lösungen

Pflegerische Probleme

Ein zentrales Problem ist die Hoffnungslosigkeit. Diese zeigt sich durch Rückzug, geringe Kommunikation und die geäußerte Sinnfrage.

Ein weiteres Problem ist die emotionale Belastung von Patientin und Tochter.


Ursachen

Eine Ursache ist die fortschreitende, unheilbare Erkrankung.

Ein weiterer Faktor ist der Verlust von Selbstständigkeit und Kontrolle.

Auch die Angst vor dem Sterben oder vor weiterem Leiden spielt eine Rolle.


Pflegediagnose

Beeinträchtigte Bewältigung im Zusammenhang mit fortschreitender Erkrankung, erkennbar an Rückzug, verminderter Kommunikation und geäußerten Sinnfragen.


Pflegeziele

Frau Wagner fühlt sich verstanden und ernst genommen.

Frau Wagner kann ihre Gefühle ausdrücken und erhält Unterstützung.


Maßnahmen

  • Die Pflegefachperson bietet Frau Wagner regelmäßig Gespräche an, indem sie sich Zeit nimmt, eine ruhige Umgebung schafft und eine zugewandte Haltung einnimmt, um Vertrauen aufzubauen.

  • Die Pflegefachperson wendet aktives Zuhören an, indem sie Aussagen aufgreift, paraphrasiert und offene Fragen stellt, um Gedanken und Gefühle zu vertiefen.

  • Die Pflegefachperson lässt belastende Gefühle bewusst zu, ohne diese zu relativieren oder vorschnell zu trösten, um eine ehrliche Auseinandersetzung zu ermöglichen.

  • Die Pflegefachperson beobachtet gezielt nonverbale Zeichen wie Rückzug oder verändertes Verhalten, um den emotionalen Zustand einzuschätzen.

  • Die Pflegefachperson bezieht die Tochter aktiv in Gespräche ein, um Belastung zu reduzieren und Unterstützung zu fördern.

  • Die Pflegefachperson organisiert bei Bedarf zusätzliche Unterstützung durch psychosoziale Dienste, um eine umfassende Begleitung sicherzustellen.


Gesprächsführung

Gesprächsführung schafft Vertrauen und ermöglicht es, Gedanken und Gefühle auszudrücken.


Angehörige

Angehörige benötigen Information, Gespräche und emotionale Unterstützung.


Selbstbestimmung

Selbstbestimmung bedeutet, dass Wünsche und Bedürfnisse respektiert werden.

Gerade am Lebensende ist dies besonders wichtig.


Typische Fehler (Prüfung)

  • Gefühle relativieren
  • vorschnell trösten
  • Gespräche vermeiden
  • nur körperliche Aspekte sehen
  • Angehörige ignorieren

Merksatz

Zuhören ist oft wichtiger als Antworten.

So gehst du sinnvoll weiter